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Maibrief von Georg Mick

von Wolfgang Frohs

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

 

 

würde jemand heute fragen, wie gerade so meine persönliche Stimmung ist, dann wäre meine Antwort ziemlich klar: Die Luft ist raus.

 

Mit dem Coronavirus  gehen wir  in die – hoffentlich wirksamere – dritte Runde Lockdown. Das ist gut und richtig, aber zu wenig.  Null Covid wäre mir lieber. Bonjour Tristesse. Weil wir uns daheim  -  alle Verwandtschaft, Netzwerke und Freund*innen weit weg -  keinen Infekt leisten können (den sich übrigens niemand leisten kann), bleiben wir in unserer  Wohnung eingeigelt, wohl wissend darum, dass das noch eins der privilegierteren Settings ist.

 

Trotzdem: Luft raus, Akku leer, Tage fühlen sich an wie Kopien von Kopien von Kopien. Als Seelsorger weiß ich: Auf Dauer macht das was mit mir.

 

Und das bringt mich immer wieder an den Punkt, an dem ich mich frage: Was sind eigentlich die Dinge, die Ressourcen,  die Wurzeln, die mich in dieser Situation innerlich noch halten?

 

Für mich selbst kann ich das nach einem gewissen Nachdenken irgendwie beantworten. Es hat etwas mit meiner Spiritualität zu tun. Mein Christentum ist für mich eine Religion der - so möchte ich es nennen -  Anderen  Momente. Gerade  für Momente jenseits  der Sonnenseite im Leben.  Gott zeigt sich im Neuen Testament als Menschensohn, als einer, der mit den Leuten mitgeht, nicht nur durch das alltägliche Leben, in dem alles läuft und seinen Gang geht, sondern auch dahin wo es richtig weh tut. Gott gibt mir etwas, weil Ostern eben nicht nur eine große Unterhaltung-Show oder Talk-Show  in einem gut ausgeleuchteten Studio war, sondern die ganze Bandbreite  zwischen dem dunklen und totbringenden Karfreitag und dem hellen und lebendigen Ostermorgen ausleuchtet. „Du Morgenstern, du Gnadenschein, der Wahrheit Licht und Leben!“ singt ein Osterlied. Das geht, mit diesem Gott.

 

Dieser Glaube birgt und trägt in sich ein Trotzdem. Hoffnung, die über den Moment hinaustragen kann. Und für dieses Trotzdem habe ich ein Lied wieder gefunden , das ich  mit Ihnen teilen möchte:  „Da wohnt ein Sehnen tief in uns“.

 

 

Refrain:   Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, nach dir, dich zu sehn,

                dir nah zu  sein. Es ist ein  Sehnen, ist ein Durst nach Glück, nach Liebe, 

                wie nur du sie gibst.

 

  • Um Frieden, um Freiheit, um Hoffnung bitten wir. In Sorge, im Schmerz  – 

sei da, sei uns nahe, Gott.                                          Ref.

  • Um Einsicht, Beherztheit, um Beistand bitten wir. In Ohnmacht, in Furcht  – 

sei da, sei uns nahe, Gott.                                           Ref.

  • Um Heilung, um Ganz sein, um Zukunft bitten wir. In Krankheit, im Tod  –

sei da, sei uns nahe, Gott.                                           Ref.

 

Da wohnt ein Sehnen tief in uns  ....   Ja, in jedem von uns wohnt eine tiefe Sehnsucht nach so vielem. Ich selbst sehne mich aktuell so oft nach Normalität, nach dem,  wie es vor der Pandemie war. Ich würde gerne endlich wieder problemlos reisen, endlich Freunde und Familie besuchen, ins Kino gehen oder  ins Theater, wieder mit meinem Chor singen.  In mir, in jedem von uns steckt ein Sehnen und da sind auch noch tiefere Träume nach Glück und Liebe, Frieden und Freiheit, Heilung und Zukunft.  Große Worte, mit denen das Lied da spielt. Aber diese großen Worte werden an ganz konkrete Erfahrungen gebunden. Erfahrungen, die auch unsere Zeit definieren: Sorge und Schmerz, Krankheit und Tod, Ohnmacht und Furcht.  Und so öffnet sich der Text, das Lied für meine Erfahrungen. Die Trauer, dass so viele  Menschen sterben, die Sorge um die Menschen an meiner Seite, die Ohnmacht, die ich angesichts dieser Pandemie verspüre. . . .

„Da wohnt ein Sehnen tief in uns“  schlägt eine Brücke in diese unsere  Zeit. Es macht mir Hoffnung, hält mich. Weil Ostern davon erzählt, dass aus Unsicherheit, Sorge und Angst, aus Ohnmacht , Einsamkeit und Tod  Neues und Großes entstehen kann. Dass neues Leben trotzdem da ist, obwohl vieles  so aussichtslos, so sinnlos  erscheint.

Von dem Theologen Augustinus stammt der Satz „Der Mensch ist Sehnsucht nach Gott“. Ich glaube auch, dass sich alle Sehnsucht des Menschen so auf den Punkt bringen lassen. Ich darf das Ziel nicht aus dem Blick verlieren: den Glauben, dass uns das Leben geschenkt ist , ein Leben in Fülle (vgl. Joh 10,10) 

 

Ich wünsche Ihnen Lebendigkeit und Gottvertrauen und 

verbleibe mit  herzlichen Grüßen

 

Ihr    Georg Mick                                                                     Bexbach, am 26.04.21